drehpunktkultur.at, 22. November 2006
Wer hat Angst vor Giambarocco? Zwanzig Studenten haben die Angst vor einem uns sehr fremd gewordenen Zeitalter abgelegt und in einem Seminar eine anregende Ausstellung erarbeitet. Bis 15. April im Barockmuseum.
Von Reinahrd Kriechbaum
Dunkel ist's im Barockmuseum, das weiß man - aber vom Kassenbereich gleich hinein in eine Tropfsteinhöhle? Da ist, ziemlich effektvoll, ein Zeitalter in all seinen Zwiespältigkeiten inszeniert worden. In der Höhle wird ein Videofilm gezeigt. Ein paar Schritte weiter ist in einer altmodischen Vitrine eine Art Kunst- und Wunderkammer nachgebaut, mit all den üblichen Skurrilitäten aus Kunsthandwerk, Natur, Aberglauben und Gelehrsamkeit.
"Als ich studiert habe, in den siebziger Jahren, war die zeitgenössische Kunst ein Aschenputtel, schien selbst das 19. Jahrhundert schon verdächtig - das hat sich völlig umgedreht." So erklärt Ulrich Nefzger, Professor für Kunstgeschichte und Barockfachmann an der Universität Salzburg, einen Pardigmenwechsel, der für Kunststudenten ebenso gilt wie fürs gemeine Volk der Ausstellungsbesucher: Barock, das unbekannte Wesen!
Aus einem Seminar, an dem sich zwanzig höhersemistrige Salzburger Kunstgeschichtestudenten beteiligt haben, ist eine Lehrveranstaltung mit ausgesprocxhen hohem Praxisbezug geworden. Schließlich ging es darum, sehr unterschiedliche Aspekte des barocken Denkens und vor allem des barocken Lebensgefühls zu "inszenieren", dem Betrachter erfahrbar und greifbar zu machen.
Das Barockmuseum ist so unversehens selbst zur Wunderkammer mutiert. Da stehen Chinoiserien in Keramik und eine Vitrine weiter liegt ein Buch, aufgeschlagen die Seite über Eingeborene, "Wie sie die Crocodile schießen". Damals durfte man noch ohne politische Vorbehalte "Neger" sagen. Darüber ein Bild, "Die Taufe des Mohren"...
Aus dem wenig attraktiven Stiegenaufgang ist plötzlich eine barocke Schautreppe geworden (ein Glück, dass eine der Teilnehmerinnen sich als Künstlerin auf den Einsatz unterschiedlichster Materialien versteht). Sogar ein "Deckenfresko" hat man drübergehängt, aber das ist ein postmoderness Werk, eine Fotomontage von Felix Breidenbach: In einem barocken Ambiente aus Himmel und Architektur tummeln sich heutige Fußballgötter und sie kicken die Bälle quer himmelsüber!
Barock hat erstaunlich viele Gesichter: Da hängen "neobarocke" Entwürfe von Wolfram Köberl - ja wirklich, es gibt einen lebenden Barockkünstler in Österreich, der zum Beispiel in der Dreifaltigkeitskirche oder Maria Bühel "echten" Barock gemalt hat. Daneben ein anderer moderner "Barocker", Gerold Tusch, der mit alten Motiven und Materialverfremdung zum Nachdenken anregt. Er hat silberglänzende Wölkchen aus Keramik über eine Wand verteilt. Im Gartenzimmer geht es um Kleidung und Perücken. Immer wieder taucht die Idee des Memento Mori auf; die Angst vor dem Tod war bei aller üppiger Lebensfreude ja gegenwärtig.
Die Schau könnte, bei lustvoller museumspädagogischer Vermittlung, einen hohen Erlebniswert haben. Man hoffe, so Barockmuseums-Leiterin Regina Kaltenbrunner, auf den besuch vieler Schulklassen. Wir leben schließlich in einer Barockstadt, da kann es nicht schaden, wenn man ein bißchen mehr weiß über die Epoche.
Die Schau ist lustvoll, mit viel Liebe und sogar ein wenig Ironie gestaltet. Da gibt es ein Porzellanfigürchen, einen Amor, der in seinem netz die Weltkugel gefangen hat. Daneben ein Handy - es hatte eben eine jede Epoche ihre Netze...