Salzburger Nachrichten, 23. Juni 2007
Das Salzburger Barockmuseum zeigt Gouachen des Gartens von Versailles
Von Hedwig Kainberger
Ein Schlossherr würde heutzutage den Auftrag geben: Fotografieren Sie den Park! Vor gut 300 Jahren holte Ludwig XIV. einen Maler, um den idealen Zustand des Gartens von Versailles abzubilden. Jean Cotelle hielt die Wunder des französischen Lustgartens in 24 Gemälden fest und malte von denselben Motiven auch 21 Gouachen, die den Garten Ende der 1680er Jahre zeigen. Fünfzehn dieser Gouachen sind erhalten und werden in der Sommerausstellung des Salzburger Barockmuseums gezeigt.
Die kleine Schau ist in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Erstmals werden die bis 1988 als verschwunden erachteten Blätter gemeinsam ausgestellt. Sie werden im neuen Heft der "Barockberichte" (mit weiteren Aufsätzen über Barockgärten) erstmals publiziert. Und sie durften für diese Ausstellung erstmals Frankreich verlassen. Sie zeigen den Garten von Versailles in Details, die dem Sonnenkönig wichtig waren, die aber wegen zu hoher Kosten oder mangelnder Pflege verloren sind.
Warum in Salzburg? Weil dieses im Mirabellgarten situierte Museum ideal dafür sei, erläutert der Kurator der Ausstellung, Xavier Salmon. Er kenne das Barockmuseum, weil er seit seiner Kindheit die Sommerferien am Mattsee verbringe.
Für Ludwig XIV. sei der Garten wichtiger als das Schloss gewesen, um seine Macht darzustellen, sagt Xavier Salmon. Wie stellt man einen Herrschaftsanspruch mittels eines Gartens dar? Das wichtigste seien die Fontänen, erläutert der Kurator. Tatsächlich! Auf Jean Cotelles Gouachen blitzen die Wasserstrahlen in kräftigem, dickem Weiß.
Dass es möglich war, das einst sumpfige Gebiet zum paradiesähnlichen Garten zu verwandeln, bewies die Macht des Königs. Dafür wurde ein einzigartiges System weiträumiger Wasserzuleitungen, riesiger Speicherbecken und unterirdischer Rohre konstruiert. Das Wunder dieser Ingenieurleistung blieb auf den Garten beschränkt: Im Schloss gab es keine Wasserleitung. In die marmorne Badewanne des Königs wurde das Wasser von Dienerhand geschöpft.
Trotz aller Raffinessen der sich zu den Brunnen hin verjüngenden Rohre und trotz künstlicher Hügel war es zur Zeit Ludwig XIV. nicht möglich, alle Brunnen auf dem Petit Carré vor dem Schloss zugleich springen zu lassen. Wenn der König durch den Garten spazierte, kommunizierten seine Diener mit Pfiffen, um die Fontänen dort springen zu lassen, wo der König hinsah; hinter dessen Rücken wurde das Wasser sofort abgedreht.
Wie wichtig dem König der Garten war, zeigt seine schriftliche Anweisung für einen Spaziergang, der im Barockmuseum anhand eines riesigen Gartenplans nachzuspüren ist. Wer alles so tun will, wie der Sonnenkönig es vorgibt, samt Verweilen und Betrachten, braucht nach Angaben von Museumsdirektorin Regina Kaltenbrunner für die acht Kilometer Wegstrecke durch das Petit Carré etwa acht Stunden.
Ein Dreiradler für den Sonnenkönig Da Ludwig XIV. auch im Alter in den Lustgarten wollte, ließ er sich einen Dreiradler bauen, den er vorn lenken konnte und der von hinten von Dienern angeschoben wurde.
Jean Cotelle (1645-1708) hat mehr gemalt als Dokumente. Er hat seine Bilder zu Visionen des Königs gemacht, indem er vor die Beete und in die Boskette Szenen aus den Metamorphosen des Ovid eingefügt hat. Der Sonnenkönig kannte diese Fantasien aus der Götterwelt von Gemälden, die im Großen Trianon hingen. Jedes dieser Motive der Metamorphosen korrespondiert mit abgebildeten Orten des Parks: So liegt die schlafende Flora vor den prächtigsten Blumenbeeten von Versailles, Narziss erscheint auf Jean Cotelles Bild vor der Sammlung original antiker Skulpturen athletischer Männer."Versailles - Der Garten des Sonnenkönigs", bis 9. September. Als Begleitheft erschien eine aktuelle Nummer der "Barockberichte". Info: Barockberichte.