drehpunktkultur.at, 20. September 2007

Die Gamben und die Blasensteine

Überlegen Sie bitte nicht, wie man auf das schräge Brett, das auf einem länglichen Tisch befestigt ist, Noten auflegen könnte. Es ist kein Notenständer, sondern tatsächlich ein Operationstisch.
Von Reinhard Kriechbaum

Was aber hat ein Operationstisch aus dem Barock, was haben Stiche von chirurgischen Tätigkeiten in einer Ausstellung mit Musikinstrumenten zu suchen? Es geht speziell um die Operation eines Blasensteins. Der französische Gambenmeister Marin Marais hat eine solche erdulden müssen und überlebt. Seine Erfahrungen hat er 1720 in ein Musikstück für Sprecher, Gambe und Basso continuo eingebracht. Medizinische Programmmusik, ohne Beispiel wohl in der Musikgeschichte!

"Still alive" heißt die Ausstellung, die bis 4. November im Barockmuseum Station macht: rund achtzig Streichinstrumente aus der Sammlung José Vazquez. Von 1570 stammt die älteste Gambe, die letzten sind in der Mozartzeit, um 1780/90 gebaut worden. Sogar Salzburg-Bezug gibt es: Eine auffällige Instrumentengattung, die Viola d'amore, ist ja eine Erfindung des hier tätig gewesenen Josef Schorn. Violen d'amore haben oft einen ganz auffälligen Wirbelkasten mit geschnitztem Frauenkopf. Die Dame hat immer verbundene Augen. Wieso wohl? "Liebe macht blind" - so die einfache ikonographische Erklärung von José Vazquez.

Es gibt viel zu schauen und zu hören. Nicht nur, dass einige Instrumente frei herumstehen, also nicht hinter Glas weggesperrt sind, vermittelt ein sinnliches Erleben. Auf PC kann man einiges erfahren über die Gedankenwelt Alter Musik und über den Instrumentenbau. Die Instrumente sind im gesamten ersten Stock des Barockmuseums ausgestellt. Die Kollektion ist ja enorm reichhaltig: "Ich könnte drei voll bestückte Barockorchester bilden", erklärt der Musiker und Sammler stolz. Und dazu besitzt er noch vierzig historische Gamben, gleich sieben aus dem Venedig des 16. Jahrhunderts. Es ist kaum ein barockes Werk denkbar, für das José Vázquez nicht ein stilistisch passendes Instrument bei der Hand hätte.

Nicht nur Marin Marais hat seine Operation überlebt. Der Ausstellungstitel "Still alive" will suggerieren, dass Gamben- und sonstige Alte Musik noch lebt - leben muss. Alle Instrumente dieser Ausstellung sind restauriert und spielbar. Darum ist dem Sammler das pädagogische Rahmenprogramm zur Ausstellung nicht minder wichtig wie die Konzertreihe, die er unter dem Motto "Zaubertöne in meinem Ohr" mit seinem "Orpheon Ensemble" im Barockmuseum auf den eigenen Originalinstrumenten gestaltet.

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