Salzburger Nachrichten, 2. Juli 2008
Das Salzburger Barockmuseum zeigt die europäische Technik des Faltens aus Barock und Renaissance
von Hedwig Kainberger
SALZBURG (SN). Es gibt die Familie der Obelisken, der Fächer und der Lilien. Dann gibt es Wiener Würstel, Papagei, Eifelturm, Bischofsmütze und Doppelte Mitra. All dies sind Namen von Serviettenfaltungen, die; meist Kellner erfunden haben. Doch spätestens mit Erfindung der Papierserviette ist das Falten von Tischwäsche rar geworden.
Mittlerweile ist das Falten ein fast verlorenes Know-how europäischer Kultur, das in Renaissance und Barock seine Hochblüte hatte. Dass es nicht ganz verschütt geht, ist dem in Freiburg im Breisgau tätigen Katalanen Joan Sallas zu verdanken, der sein Leben dem Aufspüren und Beleben alter Falttechniken widmet. Sein Können zeigt das Salzburger Barockmuseum in der Ausstellung "Tischlein deck Dich", die am Dienstagabend eröffnet wurde.
Was dort bis 26. Oktober gezeigt wird, ist nicht weniger als eine Sensation: Joan Sallas hat vier Wochen lang weißen Stoff zu Burgen, zu Bergen, zu Ärmel, wie Mona Lisa im Louvre sie trägt, ja, sogar zu einem Löwen sowie zu Muscheln, Fächer und Lilienblättern gefaltet – so lang, bis ihm die Haut seiner Finger wund war. Geholfen hat ihm eine Woche lang eine Textilrestauratorin aus Dresden, die – wie Sallas – täglich bis in die Nachtstunden faltete.
Eigentlich heißt das, was Joan Sallas tut, "Serviettenbrechen". Bei dieser bis ins 15. Jahrhundert zurückzuverfolgenden Technik geht es weniger um "brechen" im heutigen Sinne dieses Wortes, als um falten, knicken, biegen und zusammenlegen. Dass "brechen" etwas mit falten zu tun hat, ist noch am "Faltenbruch" zu erahnen. Gefaltet wurden nicht nur Servietten, sondern Stoffe (gestärkt oder mit Pergament gefüttert) sowie Papier.
Größte Gebilde wurden für barocke Feste gefaltet. So hat Joan Sallas für das Barockmuseum eine Burg aus weißem Leinen gefaltet, auf der die aus Zucker, Wachs oder Marzipan geformte kleine Figur des Gastgebers steht. Im Barock hoppelten lebende weiße Kaninchen, parfümiert und mit Halsketten geschmückt, im Burghof. Wurden von den Türmen die Dächer abgehoben, flatterten echte Vögel heraus. Mit solchem Spektakel habe ein barocker Fürst seine Gäste unterhalten, dann sei die Burg vom Tisch genommen und das Essen serviert worden, erläutert Joan Sallas am Dienstag im Pressegespräch.
Staunen machen nicht nur die Wunder an Geometrie und Statik, die Joan Sallas aus Leinen herzustellen vermag, sondern auch sein stupendes Wissen über das Falten. Er weiß, dass die älteste Darstellung einer künstlerisch gefalteten Serviette von 1623 ist, dass diese jedoch nicht nachzufalten sei, weil die Anleitungen fehlten. Er kann von jedem Modell von Tischservietten, die er für das Barockmuseum gefaltet hat, den Namen des Erfinders – meist eines Kellners – nennen. Er hat wie ein Forscher alte Bücher und Dokumente für Bibliothek und Archiv des Faltens gesammelt, und er kennt vermutlich wie kein Zweiter die um 1500 beginnende europäische Geschichte der Faltkunst.
Der Stoff für seine Meisterwerke im Barockmuseum wurde für diese Ausstellung von der Leinenweberei Hoffmann in Neukirch an der Lausitz gewoben. Handelsübliches Leinen habe längst nicht mehr die für das Falten nötige Fadendichte, erläutert der Künstler.
Dieses Leinen,ist schlicht gewoben, ohne die – für kostbare Tischwäsche üblichen-raffinierten Muster eines Damastes, und die Ränder sind nicht gesäumt. Ihm gehe es allein um die Kreationen und Techniken des Faltens, erläutert Joan Sallas. "Es ist keine Servietten-, sondern eine Faltausstellung."