Traunsteiner Tagblatt, 7. Juli 2008

Wilde und andere Tiere im Salzburger Barockmuseum

"Tischlein deck dich" - Sonderausstellung des katalanischen Faltkünstlers Joan Sallas

von Beatrix Dargel

Im Salzburger Barockmuseum ist bis zum 26. Oktober die Sonderausstellung "Tischlein deck dich" des katalanischen Faltkünstlers Joan Sallas zu erleben, mit Falttechnik vom 16. Jahrhundert an. Vergessene Faltungen werden in Form von Fischen, Vögeln und anderen dekorativen Figuren lebendig. Eine meterlange Schlange "begrüßt" die Besucher an der Treppe und weist den Weg. Die Schlange schwebt in sicherer Entfernung unter der Decke. Stufe um Stufe gelangt man an das Ende der Schlange und damit zur Ausstellung im Obergeschoß. Der Blick wandert zu dem in Stoff gehüllten Tisch mit den "wilden Tieren". Ausgefahrene Krallen und respekteinflößend auf den Hinterbeinen erhoben – bereit zur Verteidigung des Tischbrunnens. Entwarnung. Löwe und Greif sind aus gewebtem Leinen gefertigt, mit kunstvollen "Schuppenfalten ".

Das Gewebe für die Faltobjekte wurde speziell von der Oberlausitzer Leinenweberei Hoffmann hergestellt. Nach einigen Stoffproben stimmte die "Rezeptur". Heraus kam feines Leinen wie aus dem Barock mit besonderer Griffigkeit. Bereits im späten Mittelalter und ab dem 16. und 17. Jahrhundert gab es aufwendige Leinendekorationen um die Gäste zu beeindrucken und bei Tisch für Gesprächsstoff untereinander zu sorgen.

Aber auch im Jahr 2008 betrachten die Besucher staunend das Brunnenensemble mit plätscherndem Wasser. Der Tischbrunnenentwurf stammt aus dem "Plicatur-Büchlein" von Andreas Klett, Nürnberg, 1677. Das Lächeln der Mona Lisa in Leonardo da Vincis Gemälde ist bekannt, aber Falten? Die lassen an der Kleidung finden. An einer Büste ist die Ärmelfaltung aus Leinen, ähnlich einer Ziehharmonika, gut zu sehen. Joan Sallas: "Bei 80 Prozent der Bilder aus der Barockzeit sind Falten". Typisch für die Zeit ab dem 16. Jahrhundert waren anfangs gefaltete Tischdekorationen aus Servietten von Pflanzen, Tieren, Schlössern und Schiffen. Ganze Berglandschaften wuchsen scheinbar aus einem Tischtuch empor. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts unterrichtete ein Deutscher, Mattia Giegher, in Padua an der Universität in der Kunst des Serviettenfaltens. In Bayern hieß der deutsche Lehrer noch Mattias Jäger. Ihm ist es zu verdanken, dass im Jahr 1639 in Italien das erste bebilderte Faltbuch der Welt, wenn auch in italienischer Sprache, erschien. Alte und neuere Bücher zum Thema Falten sind ausgestellt und zeigen die Anfänge einer anspruchsvollen Tischkultur.

Auch viele Lehrer, Schneider und Kellner trugen zur Verbreitung der Faltkunst bei. Der Pädagoge Friedrich Fröbel z. B. faltete im 19. Jahrhundert mit Kindergartenkindern einfache Figuren. Auf spielerische Weise lernten die Kinder so räumliches Vorstellungsvermögen. Joan Sallas: "Es gibt viel zu lernen von der Vergangenheit. Falten ist kein Neben- oder Unterthema der Tischkultur, eher ein unglaublicher Ozean, in dem man fast ertrinkt." Der Künstler lebt das Falten als Origami-Autor und Leiter einer Origami-Schule in Freiburg im Breisgau. In Briefen und per E-Mail verabschiedet sich Joan Sallas "mit gefalteten Grüssen ".

Die Ausstellung in Salzburg schärft den Blick fürs Falten nicht nur bei Papier, bestimmt ebenso bei Geweben. An einem Übungstisch kann man nach Anleitung seine Lieblingsserviette falten. Man sollte etwas Zeit mitbringen, wenn man sich auf Faltensuche begibt und in dem Museum am Mirabellgarten in die Weiten des Faltozeans mit Tischkultur und "wilden Tieren" eintaucht. Eine CD mit Faltanleitungen ist bei Joan Sallas, www.serviettenbrechen.de, und im Salzburger Barockmuseum zu beziehen.

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