drehpunktkultur.at, 1. Juli 2008
Es ist zwar nicht serviert, aber aufgedeckt: mit gefalteten Servietten. Bis 26. Oktober gilt im Barockmuseum eine Sonderschau dem "Tafeldecken und Serviettenbrechen".
von Reinhard Kriechbaum
Der katalanische Faltkünstler Joan Sallas, eigentlich Leiter einer Origami-Schule in Freiburg/Breisgau), hat historische Quellen studiert. Quellen wie jene mit dem blumigen Titel "Des wohl=informierten Tafel=Deckers und Trenchanten Vierdtes Buch". Zwar habe man, so erklärt er, zuerst in Italien im 16. Jahrhundert Stoffe gefaltet, aber die Deutschen, gründlich wie sie sind, haben dann Traktate über diese vergängliche Kunst geschrieben. Das seien, so erklärt der Fachmann, übrigens nicht "Modelle" bloß zum Nachfalten, sondern es geht immer um die Methode. Von den Tafeldeckern wurde Kreativität erwartet.
Berge hat man auf den Tisch gezaubert, allerlei Tiere, Schiffe, aber sogar Wappen-Embleme. Der Bayerische Löwe ist da: der Körper gefaltet, Kopf und Pranken aus Papiermachée. Eine Burg aus gefaltetem Stoff, mit Mauern und Türmen - und auf dem Turm sogar eine winzige Kanone aus Stoff! Dagegen mutet eine Serviette in Schwanenform, in ein Glas gesteckt, schon beinah bieder an.
Aus gestärktem Leinen hat man im Barock gefaltet, aber auch aus Papier. Papier ist keine Degenerationserscheinung in dieser vergänglichen Kunst: "Papier und Stoff befruchteten sich gegenseitig", erklärt Joan Sallas.
Und was hat es mit der Kleiderpuppe auf sich, die nahe beim Stiegenaufgang steht? Die Kunst des Stoff-Faltens kam auch in der Kleidung zu ihrem Recht. Über das Lächeln der Mona Lisa ist viel gerätselt oder geschrieben worden. Viel weniger Leute denken drüber nach, dass die Dame kunstvoll gefaltete weiße Stoff-Ärmel hat. Genau diese gefalteten Ärmel, die wie überkandidelte Ärmelschoner aussehen, hat man für die Schau im Barockmuseum nachgemacht.
Und wie es der Zufall wollte: Gerade während der Presse-Vorbesichtigung kam ein Bote von der Silberkammer in Wien, brachte in einem sorgsam verschlossenen Kästchen eine ebenso sorgsam mit Papier ausstaffierte und geschützte "Kaiser-Serviette". Ja, das gibt's, und es sei, wie man staunend erfahren durfte, "eines der letzten Staatsgeheimnisse". Bei Staatsbesuchen wird nicht nur kaiserliches Silber aufgetischt, sondern es gibt eben auch "Kaiser-Servietten". Das Wissen, wie sie gefaltet werden, wird seit dem frühen 19. Jahrhundert von einem Beamten-Spezialisten an den nächsten mündlich weitergegeben. Die "Kaiser-Serviette" hat tütenförmige Ausbuchtungen, da passt gerade ein Jourgebäck hinein.
Ja, das ist wirklich Savoir-Vivre. Den Hunderter-Pack von Papierservietten, jüngst bei Hofer erstanden, mag man nach einem Ausstellungsbesuch gar nicht mehr anschauen daheim. Aber vielleicht gewinnen sie durch Falten an Attraktivität? Jedenfalls hat heute keiner mehr Servietten in Leintuchgröße parat, um einen Pelikan, Blumengebilde oder dergleichen in Blütenweiß auf die festliche Tafel zu zaubern.